Bergsehnsüchtig

Draußen unterwegs

Allgäu: Die Judenkirche – ein verstecktes Geotop

Da müssen wir es erst so oft nach Oberstdorf fahren, um diese Ecke zu entdecken! Eine Schande. Doch wo geht es hin? Die Frühlingstour führte an einem sonnigen Tag Ende April von Obermaiselstein über den unmarkierten Ochsenkopf, die Judenkirche an den Ortsrand des Marktes und wieder zurück. Als Startpunkt eignet sich das ‘Haus des Gastes’ des Hörnerdorfes. Denn hier stehen ein einige kostenlose Parkplätze zur Verfügung. Aber auch mit dem Bus kommt man wunderbar hierher. Ein weiterer Startort wäre der Parkplatz der Sturmannshöhle.

Die ersten Meter führen an einem kleinen Wohnmobilstellplatz vorbei. Noch ist der Weg ein asphaltierter Spazier-/Nordic-Walking-Weg. Braucht es auch. Gleichzeitig sind die ersten unbeschwerten Blicke auf Panorama und typische, tierische Allgäuer möglich. Ein plätschernder Bach und zwitschernde Vögel liefern die akustische Untermalung. Nach ein paar weiteren Minuten erreichen wir das erste Waldstück dieses Tages. Dabei wandern wir kurze Zeit auf einem Sagenweg, der spannende Mythen und Sagen präsentiert. Leider führt er in die entgegensetze Richtung, sodass wir nur eine Sage entdecken können. Denn wir marschieren Richtung Hirschsprung – die erste Überraschung dieser Tour. Weitere folgen.

Der Hirschsprung ist eine natürliche Schlucht – die Breitach hat sich hier ihren Weg gebahnt und dieses Schauspiel entstehen lassen. Hier führt auch die Straße von Tiefenbach nach Obermaiselstein entlang. Dennoch oder gerade deswegen ist uns dieses Kunstwerk der Natur bisher verborgen geblieben. Das bestätigt wieder einmal: Wandernd nimmt man die Umgebung ganz anders wahr! Vielleicht würde uns auch die liebliche Landschaft mit ihren saftigen Wiesen nicht so ins Auge stechen. Doch so nehmen wir sie besonders intensiv wahr.

Ein kleiner Gipfel kann auch Panorama bieten

Bald verschwindet sie aus unserem Blickfeld, denn wir erreichen ein weiteres Waldstück. Hier führt ein stellenweise recht steiler Pfad in Richtung Hermannstein. Dabei überqueren wir Wurzeln und einen schmalen Bach, der in einen versteckten kleinen Wasserfall mit im Wald mündet. Auch das: Idylle pur! Nach ein paar weitere Höhenmetern erreichen wir unseren ersten ‘Gipfel’, den Hermannstein. Zugegeben, mit seinen 990 Metern wirkt er neben den hohen Gipfeln der Oberstdorfer Berge recht klein. Dafür bietet sein dichtes Baumdach seinen wenigen Besuchern Ruhe und Schatten. Und von hier hat man auch Ausblick auf die gesamte Bergwelt der unmittelbaren Umgebung – Hörnergruppe, Nagelfluhkette und Grünten reihen sich aneinander.

Ein schmaler Pfad führt uns anschließend wieder hinab, hinaus aus dem Wald und in die strahlende Sonne. Wir stehen nun oberhalb von Langenwang und können über Oberstdorf hinweg sämtliche Gipfel erspähen. Ein paar Höhenmeter geht es noch bergab, bevor wir den Jägersberg auf 895 Metern erreichen. Von jetzt an geht es erstmal nur noch oben.

Der Ausblick entschädigt

Zunächst wandern wir auf einer asphaltierten Nebenstraße. Wenig überraschend, ist sie technisch nicht anspruchsvoll. Aber der recht steile Anstieg fällt so etwas leichter und erlaubt uns immer wieder, den Blick schweifen zu lassen. Sei es auf den Ort Oberstdorf, der von hier oben fast vollständig sichtbar ist oder die Bergwelt, die einmal mehr überwältigt. Nach ein paar Kurven und den ersten Höhenmetern löst Schotter den Asphalt ab. Wald rückt wieder näher an den Weg heran. Die Bebauung wird ebenfalls lichter. Nur noch ein Haus liegt rechts von uns. Auf der linken Seite weist ein Wegweiser den ‘kurzen’ Weg zur Judenkirche. Wir bleiben jedoch auf unserem Weg und gehen weiter bergan.

Ein paar Kurven später erreichen den Wald, der den Ochsenkopf bedeckt. Unser Weg ist nun unmarkiert und verläuft auf einer Forststraße. Mitten im Wald endet die Straße an einer Felsmauer. Nun heißt es: den weiteren Wegverlauf suchen. Relativ schnell werden wir fündig. Ein schmaler, weiterhin unmarkierter Pfad führt rechts um den Gipfel herum – über Wurzeln und Blöcke. Zahlreiche Bäume wachsen so wie sie wollen und bilden ungewöhnliche Formationen. Moos bedeckt die Felsenwände zu unserer Linken. Die ganze Szenerie zeigt uns: Dieser Pfad wird nicht oft gegangen. Kleine Büsche und Farne ragen in den Weg hinein. Nichts ist ausgetreten, zivilisiert oder ‘ordentlich’. Dieser Eindruck verstärkt sich beim steilen Abstieg. Keine eigens errichteten Stufen oder gar Geländer erleichtern den Weg. Bei Nässe ist dieser Pfad sicherlich nicht einfach zu gehen. Aber er macht Spaß!

Mitten im Wald: ein Felsbogen

Nach ein paar Minuten Abstieg stoßen wir wieder auf den regulären Weg. Sollen wir links oder rechts gehen? Ein Wegweiser nimmt uns die Entscheidung ab. Links müssen wir zunächst, denn dort liegt das Hauptziel unserer heutigen Tour: die Judenkirche. Nach wenigen Minuten wandern auf einem schmalen Waldpfad erreichen wir den beindruckenden Felsbogen. Da wir die Judenkirche ‘von oben’ erreichen, sehen wir erst ihr Dach, das mit Laub des letzten Herbstes bedeckt ist und verständlicherweise nicht betreten werden darf. Links ein paar Stufen hinab, und schon stehen mittendrin oder besser unter dem Bogen.

Wir sind ganz allein und setzen uns auf eine Bank. Nur Vogelgezwitscher und Wind in den Bäumen ‘stören’ die Ruhe. Ein besonderer Ort ist das. Seine Wirkung entfaltet er umso mehr, je länger man ihn auf sich wirken lässt. Faszinierend. Wieder gilt: Warum waren noch nie hier? Deshalb können wir uns auch nur schwer trennen. Doch irgendwann gehen wir doch weiter. Nicht nach unten – dieser Weg führt zum Jägersberg zurück. Es heißt vielmehr, wieder zurückgehen, wo wir vor einiger Zeit herkamen. Und der schon bekannte Wegweiser gibt als nächstes Ziel Wasach an.

Auf dem weichen Waldpfad verlieren wir rasch an Höhe. Bäume geben weiterhin reichlich Schatten. Kurz vor Wasach lichtet sich auf der rechten Seite der Wald etwas. Eine glatte Felswand wird sichtbar. An verschiedenen Stellen glitzert es. Doch zunächst erkennen wir nicht, um was es sich handelt. Erst als wir näher herankommen, wird klar, was da glitzert: eingehängte ‘Exen’ und Bohrhaken. Das muss hier also eine Kletterwand sein. Spannend. Heute können wir aber leider keine Kletterer sehen.

Kurz danach treten wir aus dem Wald heraus und schauen auf eine imposante Kirche, deren Besuch definitiv lohnt. Von nun an ist der Rückweg technisch sehr einfach. Er verläuft auf teilweise auf dem asphaltierten Radweg nach Obermaiselstein. Das hat aber einen Vorteil: Wir können in aller Ruhe die Landschaft genießen, den Hirschsprung von einer anderen Seite bewusst durchschreiten und entspannt zum Ausgang der Tour zurückkehren.

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