Bergsehnsüchtig

Draußen unterwegs

Allgäu: Neujahr auf den Grünten

Traditionell erholt sich die große Mehrheit an Neujahr auf der Couch vom Jahreswechsel. Wir nicht. Ganz im Gegenteil. Aktive Erholung steht auf dem Programm: Der Grünten – einer unserer Lieblingsberge – will das erste Mal im Winter erklommen werden. Und so starten wir um kurz nach neun. Es ist kalt. Der Nebel macht es gefühlt noch ein wenig frischer. Im Tagesverlauf sollte es aber noch aufreißen. Der frische Wind hilft.

Los geht’s unterhalb der Alpe Kammeregg

Mit dem Auto fahren wir zu einem Wanderparkplatz unterhalb der Alpe Kammeregg. Die liegt wiederum oberhalb des selbsternannten Brauereidorfes Rettenberg. Als überzeugter Biertrinker kann ich nur sagen: Hier am Fuße des Grünten ist eine meiner absoluten Lieblingsbrauereien beheimatet. Somit muss dieses Selbstbild stimmen. Auf dem Parkplatz stehen schon einige Fahrzeuge. Der Großteil ist zugefroren. Es scheint, dass deren Besitzer den Jahreswechsel auf dem Wächter des Allgäus verbracht haben.

Wir starten unseren Aufstieg. Schon bald sind wir froh, Grödel an den Füßen zu haben. Die ersten Meter sind spiegelglatt. Doch schon bald löst fester Schnee den unkomfortablen Untergrund ab. Wir laufen auf einer Fahrstraße zur Alpe. Das ist zwar geländemäßig nicht sonderlich anspruchsvoll, lässt uns aber gut ins Laufen kommen. Unsere neu gewonnene Trittsicherheit können wir nach ein paar Minuten bereits nutzen und einer ersten Gruppe Rodler ausweichen. Sie sind noch ein bisschen müde und haben ihren fahrbaren Untersatz noch nicht wirklich zu 100 % im Griff. Kurz darauf passieren wir die Alpe Kammeregg. Im Sommer und auch im Winter ist die Alpe ein beliebtes Ausflugsziel. Heute ist sie jedoch geschlossen. Für uns kein Problem.

Es wird steil

Wir stapfen immer weiter bergan. Die Schneehöhe nimmt auch zu. Die Sonne kommt auch ein bisschen raus. Der Grünten zeigt sich von seiner besten Seite. Die nächste Stunde geht es steil bergan. Wir folgen jetzt einem Weg, der zur Grüntenhütte führt. Bis dahin ist es aber noch ein Stück und wir kommen ganz schön ins Schwitzen. Auf Schnee gehen, schlaucht. Tourengeher passieren uns derweil. Eine Schneeschuhwanderin kreuzt mit ihrem kleinen ‘Ceasar-Hund’ unseren Weg. Rodler kommen uns entgegen. Man grüßt sich und wünscht einander ein ‘schönes neues Jahr’. Es ist eine friedliche, ruhige Stimmung.

Wenig später erreichen wir die alte Grüntenhütte*. Diese liegt wie auf einem Sattel. Sie ist umgeben von stillstehenden Liften. Rechts geht es hinauf zum Grüntengipfel. Diesen Weg schlagen wir auch gleich ein.

Die Skipiste als Weg

Nun wird es etwas belebter, denn es stoßen vermehrt Tourengeher dazu, die von Kranzegg her aufgestiegen sind. Einen festen Weg gibt es nun nicht mehr. Es geht querfeldein auf die Abfahrtspiste hinauf. Wir folgen dabei Spuren, die Tourengeher in den Schnee gelegt haben. Das macht es etwas leichter. Aber nur wenig. Und so dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis wir das letzte, alte Liftgebäude unterhalb des Gipfels erreichen. Wir rasten. Tee wärmt und sind froh, dass wir ein wenig windgeschützt stehen können. Doch auch hier kriecht uns langsam die Kälte in die Knochen und wir brechen auf.

In engen Serpentinen geht es nun weiter. Der Wind pfeift. Skifahrer fahren
uns vorbei. Der Aufstieg scheint kein Ende zu nehmen. Dafür lohnen die
Ausblicke ringsherum und entschädigen für die Anstrengungen. Kurz vor dem Gipfel erreichen wir einen kurzen, windgeschützten Abschnitt. Ihn verlassen wir nach oben über ein paar große Tritte. Das Stahlseil hilft heute wirklich. Denn es ist glatt und rutschig. Kurz danach erreichen wir das (Höhen-)Niveau des Jägerdenkmals auf dem Grünten.

Der Wind bläst uns davon

Lange können wir den Ausblick hier oben und das Glücksgefühl des gelungenen Aufstiegs nicht genießen. Denn der Wind greift von allen Seiten an. Wirbelt Schnee auf. Die Kristalle wirken im Gesicht wie kleine Nadelstiche. Und so bleibt auch nicht viel Zeit, zu entscheiden, wie wir jetzt weitergehen. Entgegen der ursprünglichen Planung gehen wir nicht den Aufstiegsweg zurück. Stattdessen folgen wir den Spuren im Schnee in Richtung Sendemast. Nach wenigen Minuten sind wir im Schutz eines Bergkamms angekommen und passieren den Mast. Immer wieder ein Erlebnis, vor allem wenn dahinter blauer Himmel ist. Ein toller Kontrast.

Aufziehender Nebel raubt uns komplett die Sicht

Was nun kommt, kennen wir schon. Wir sind den Weg schon einmal im Sommer in entgegengesetzter Richtung gegangen. Der Schnee macht ihn nur noch einfacher zu gehen. Und so erreichen wir unerwartet schnell das Grüntenhaus. Das liegt da im Winterschlaf. Andere Wanderer rasten trotzdem wie wir auf der trotzdem zugänglichen Terrasse. Zusammen brechen wir alle auf. In diesem Moment zeigt der starke Wind eine weitere Schattenseite. Er bläst so dichte Wolken in unseren Weg, dass wir für einen Moment nicht wissen, wo oben und unten ist. Gespenstisch. Wir haben Angst. Ich erinnere mich glücklicherweise daran, dass Sonnenbrillen in solchen Situationen etwas Kontrast zurückbringen. So erkennen wir zumindest schemenhaft die Spuren im Schnee und erreichen bald den Wald unterhalb des Grüntenhauses. Die Sicht ist zurück.

Jetzt ist der Weg unkompliziert. Der Schnee wird immer weniger, je tiefer wir kommen. Bald schon ist es normaler Waldboden, der zwar gefroren ist, sich aber sonst nicht vom Zustand in anderen Jahreszeiten unterscheidet. Da wir am Grünten-Gipfel einen anderen Weg eingeschlagen haben, kommen wir nicht an unserem Auto heraus, sondern in Burgberg. Dort hat der Feiertag den ÖPNV-Fahrplan spürbar ausgedünnt. Leider. So fahren wir mit dem Taxi (inklusive eines großartigen, einheimischen Fahrer) zurück zu Ausgangspunkt.

*Zum Zeitpunkt der Wanderung gab es diese Hütte noch in der alten Form. Anfang 2020 wurde die Hütte nach Kündigung des Pachtvertrages geschlossen und in der zweiten Jahreshälfte wieder mit neuen Pächtern eröffnet. Heute bereue ich aufrichtig, damals vorbeigegangen zu sein.

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